SEI FREUNDLICH ZU DEM WAS ICH NICHT SAGE (TEXT MIT ANDREA MITTAG)

seifreundlich

 

FAMILIENALBUM (MIT ANDREA MITTAG)

 

 

der esstisch

1

das rot dringt durch

legt sich unter die stirnhöhle

wo es kalt anderes geröll färbt

die augen geäderte schnüre

mäandern bis zur nasenwurzel

dort tritt blut aus das nicht

geschluckt werden kann

viel blut in den röhren und

kanälen blut auf den lippen

im hals warmes blut drinnen

und draußen als fließendes wesen

trotzendlich sichtbar zu sein

mit der handkante schlage ich

eine waagerechte über die brauen

spüre den großen stein and die decke

stoßen zerbeiße mir die zunge

die eine entschuldigung formulieren wollte

mutter schickt mich aufs zimmer

wo ich ganz ruhig verbleibe

bis zur nacht

 

 

 

 

familienalbum

2

an weihnachten machte

mutter einen spaziergang

sie sieht aus als hätte sie

kinder verloren nimmt die

daunenjacke vom haken

und ruft den hund zur tür

verlassen setzt sie die füße

voreinander im gegentakt

zum trippelden ego der 3

kilometer pro stunde zurücklegt

der hund ist nass vom schnee

ein kristall lässt sich mit aus-

gestreckter zunge fangen                das ist frieden

denkt sie das linke bein

nachziehend was ihr ego

nachzuahmen versucht dabei

sieht sie aus als hätte sie

kinder verloren als ego in den

schnee pinkelt verliert sie die fassung

glaubt sie plötzlich urin sei doch

so etwas wie saft einer schwitzenden

ananas schnell leint sie den hund

an das nächste gartentor ohne

mit der wimper zu zucken

kniet sie nieder und leckt den schnee

der – zu ihrer überraschung – nach

angst schmeckt tierische angst

die sie sich immer gewünscht hatte

 

 

 

 

ich liebte die tapete

3

im hinterhof hortet der müll

des jahres ich bleibe noch auf

bis die vögel kommen und

als ich erwachsen wurde

konnte ich kein brot mehr sehen

denke wie du frühmorgens

vor allem aber nachts die kanten

mit deinen zähnen            mein

zimmer lag genau gegenüber

und was uns über den flur hinweg

in verbindung hielt war dein lautes

zerkauen des brotes und das kratzen

an den küchenmöbeln die vater

mit gernod gezimmert hatte –

ich verstand nicht wann und

wie er hatte doch schon immer

ein schlechtes gehör

sicher ist mir heute nur noch

die schönste erinnerung für vater

der dich mit einem luftgewehr

ordnungsgemäß hinrichtete

 

 

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